Selbstdenkende Maschinen und digitale Nomaden – Willkommen im Leben 4.0

Leben 4.0 lautet das Reihenthema des Junior Science Cafés im Schuljahr 2018/19. Was genau steckt eigentlich dahinter? Von kommunizierenden Maschinen, künstlichen Intelligenzen, die Emotionen erkennen, unsichtbaren Algorithmen und maßgefertigten Häusern und Autos.

 

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Die Digitalisierung hat nicht nur die Industrie, sondern auch unseren Alltag grundlegend verändert: In intelligenten Autofabriken übernehmen miteinander kommunizierende Maschinen einen Großteil der Produktion.  Zuhause schaltet Amazons Sprachassistent Alexa auf Befehl das Licht an und wählt unsere Lieblingsmusik. Neben Staunen über die vielen neuen Möglichkeiten tritt zuweilen auch Unbehagen. Werden Menschen als Arbeitskräfte im Produktionsprozess bald überflüssig? Was geschieht mit all den persönlichen Daten, die wir für die Nutzung von Apps und Websites täglich Preis geben? Einfache Antworten gibt es nicht. Willkommen im komplexen Leben 4.0.

Frühere industrielle Revolutionen, die im Nachhinein numeriert wurden, erscheinen wie Dinosaurier aus einer fernen Vergangenheit: Um 1800 machte die Erfindung der Dampfmaschine die industrielle Fabrikation möglich (Industrie 1.0), Ende des 19. Jahrhunderts gelang es dann, mit Elektrizität Fließbänder und somit die Massenfertigung anzutreiben (Industrie 2.0) und seit den 1970er Jahren lassen sich Maschinen dank Mikroelektronik programmieren und steuern (Industrie 3.0).

Seit 2011 spricht man von der Industrie 4.0.: Maschinen führen nicht mehr nur Befehle aus, sie kommunizieren untereinander, analysieren Situationen und treffen Entscheidungen. Speicherplätze wie Clouds erlauben den permanenten und weltumspannenden Abruf und die Verknüpfung von Daten. Wir sind im Zeitalter der künstlichen Intelligenz angekommen, in dem lernende Systeme zum Beispiel Stimmen und Emotionen erkennen und sich selbsttätig optimieren. In Callcentern könnten sie den Angestellten helfen, die Stimmung der Anrufer zu bewerten und auf sie passgenau einzugehen. 

Digitalisierung und intelligente Vernetzung berühren alle Lebensbereiche. Im Leben 4.0 ändert sich die Art wie wir leben, lernen und arbeiten, wie wir kommunizieren und konsumieren.

Im Alltag ist das Smartphone für viele zum unersetzlichen Begleiter geworden. Für die digitalen Dienste wie Facebook zahlen wir meist mit unseren persönlichen Daten: Diese werden gespeichert, analysiert, verwertet und verkauft. Facebook weiß, was wir mögen und wen wir kennen, die Fitness-App erstellt unser Bewegungsprofil, Amazon kennt unsere Kaufvorlieben, Spotify unseren Musikgeschmack. Die Algorithmen von Ggoogle durchforsten unsere Emails, Suchanfragen und Bewegungsprofile nach wiederkehrenden Mustern und Zusammenhängen. Sie machen uns Vorschläge und versuchen, unsere Entscheidungen zu steuern: was wir lesen, wo wir essen, mit dem wir kommunizieren. Schon vor einiger Zeit wiesen Wissenschaftler darauf hin, dass Google durch die Platzierung von Suchergebnissen das Wahlverhalten beeinflussen kann. Oft wird bemängelt, dass kaum jemand versteht, nach welchen Kriterien und wie diese Algorithmen funktionieren. Sie bleiben für uns unsichtbar.

Fest steht, dass die permanente digitale Vernetzung unser Kommunikationsverhalten grundlegend verändert hat. Chats ersetzen Telefonate, Video-Anrufe überbrücken Distanzen zum Nulltarif. Wir erwarten ständige Erreichbarkeit und unverzügliche Reaktionen. Wer nicht rund um die Uhr erreichbar sein will, muss sich rechtfertigen

In der Arbeitswelt hat das Leben 4.0 neue Lebens- und Arbeitsmodelle eröffnet. Sogenannte digitale Nomaden benötigen nur noch einen Laptop, sie wechseln Standort und Zeitzone so einfach wie nie zuvor. Damit verschwimmen zugleich die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben. 

Jobs und Berufsbilder wandeln sich: Brauchen wir in Zukunft den Menschen eigentlich noch in der Produktion und im Transport von Gütern? Oder wird er nur noch für die Programmierung künstlicher Intelligenz vonnöten sein? Amazon arbeitet an vollautomatisierten Packzentren, in denen kleine Roboter die Bestellungen der Kunden abwickeln. Für uns als Kunden eröffnet die neue vernetzte Art der Produktion ganz neue Möglichkeiten. Statt Massenfertigung lassen sich persönliche Wünsche in den Herstellungsprozess einbringen. Am Computer konfigurieren wir Häuser und Autos 

Mit selbstfahrenden Autos und Lieferdrohnen halten neue Verkehrskonzepte in den Städten Einzug. Mobilitätskonzepte stehen auf dem Prüfstand, die autofixierte Gesellschaft in der Kritik. Vielleicht werden wir die Innenstädte vom Autoverkehr zurückerobern und die Architektur von morgen wird sich wieder mehr an den Bedürfnissen der Bewohner orientieren. Sharing-Plattformen für Wohnungen, Autos, Fahrräder und Büroplätze beeinflussen den privaten Konsum. Warum besitzen, was man nur zeitweise benötigt? Lebensentwürfe werden fließender und mobiler.

Das Thema Datenschutz, die Frage, wie viel Privatheit im Leben 4.0 noch möglich ist, wird uns weiter beschäftigen. Manche befürchten den gläsernen Bürger, der keine Geheimnisse mehr besitzt und keine Privatsphäre. Inmitten dieser rasanten Wandlungen unserer Arbeits- und Lebenswelt müssen wir uns Standpunkte bilden  und unser Bewusstsein für den Umgang mit der Digitalisierung schärfen.  Letztendlich wird Leben 4.0 das sein, was wir daraus machen, als Einzelne und als Gesellschaft.
 


22. August 2018, 14:18      Petra Krimphove      Leben 4.0

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