Big Data – auf dem Weg zur Überwachung 2.0? #SmarteWelt

In der Reihe „Schöne smarte Welt – Junior Science Café Vol. 3“ tauchen wir ein in eine intelligente Welt der Zukunft und erkunden, wie smart unsere Umgebung heute schon ist.

Foto: von JohnsonGoh, pixabay.com, CC0

Big Data, das Sammeln und Auswerten von großen Datenmengen, ist in aller Munde. Die Meinungen über Risiken und Chancen gehen dabei weit auseinander. Auch die Befürchtung, dass der Mensch zum gläsernen Menschen werden könnte, wird in diesem Zusammenhang diskutiert. In China könnte das bald Realität werden. Ich spreche dazu mit der China- und Politikwissenschaftlerin Katika Kühnreich. Sie beschäftigt sich in Ihrer Doktorarbeit mit dem geplanten „Sozialkreditsystem“ des Landes. 

Der Aufbruch in eine bessere Gesellschaft oder der Beginn der IT-Diktatur? In China ist ein einzigartiges Projekt gestartet: das „Sozialkreditsystem“. Es soll ab 2020 das elektronisch erfassbare Verhalten aller Bürger in dem Land bewerten. Eine Gesamtpunktzahl soll anzeigen, wie vertrauenswürdig jeder einzelne ist. Bist du ein „Vorbild an Ehrlichkeit“, winken Vorteile, zum Beispiel bei sozialen Leistungen. Bist du „unehrlich“, drohen Jobverlust sowie Einschränkungen und Verbote – etwa bei Bankkrediten, bei der Wohnungssuche oder bei der Schulwahl für die Kinder.

Überwachung, Strafen und Belohnungen sind nichts Neues. Aber Big Data und die Nutzung von „Smartphones” eröffnen neue Möglichkeiten. „In dem Sozialkreditsystem wird erstmals eine große Menge verschiedener Informationen über jeden Einzelnen zusammengeführt: von Gesetzestreue über Zahlungsmoral bis hin zu sozialem Engagement, Freizeitaktivitäten und sogenanntem moralischen Verhalten“, sagt Katika Kühnreich.

In das Sozialkreditsystem sollen nicht nur Informationen von Behörden einfließen, sondern das gesamte Onlineverhalten. Pluspunkte könnte es einbringen, wenn man Nachbarn hilft, Blut spendet oder sich durch gute Leistung bei der Arbeit auszeichnet. Punktabzüge soll es geben, wenn jemand bei Rot über die Ampel geht, seinen Kredit nicht abbezahlt oder seine Eltern nicht besucht. Auch wer in den sozialen Medien Kritik an der Regierung übt oder auch nur kritische Beiträge liest, muss mit Minuspunkten rechnen. Alle diese Informationen werden von unterschiedlichen Stellen erfasst und in Datenbanken gespeichert – und sollen künftig von den Algorithmen des Sozialkreditsystems bewertet werden.

Befürworter preisen das System als Chance, das Vertrauen unter den Menschen zu steigern – und zugleich die Guten zu belohnen und die Schlechten zu motivieren, ehrlicher und anständiger zu werden. Katika Kühnreich ist skeptisch: „Vertrauen ist ein soziales Problem. Das lässt sich nicht durch eine Technologie lösen.“ Sie sieht in dem System vielmehr die Möglichkeiten eines digitalen Überwachungsinstruments, mit dem der Staat seine Bürger noch effizienter kontrollieren und beeinflussen kann. Allerdings ein sehr geschicktes: „Das System liefert Anreize, um Menschen so zu beeinflussen, dass sie sich aus eigenem Antrieb systemkonform verhalten. Für die Bürger soll es wie ein Spiel sein, was oft mit dem englischen Ausdruck 'Gamification' bezeichnet wird“, erklärt sie.

Einen Vorgeschmack liefern bereits laufende Programme: Dazu zählen die rund 40 regionalen Pilotprojekte des Sozialkreditsystems und acht weitere Systeme, die Unternehmen eingeführt haben. Siehe auch den Deutschlandfunk-Beitrag „Auf dem Weg in die IT-Diktatur“ von Axel DorloffIm. Testgebiet Rongcheng, einer Stadt im Nordosten Chinas, entscheidet zum Beispiel der Punktstand, ob ein Mitarbeiter im öffentlichen Dienst befördert wird oder nicht. Wie gut Bewertungssysteme funktionieren können, zeigt auch das Beispiel Sesame Credit. Der Alibaba-Konzern, der führende chinesische Onlinehändler, hat es entwickelt, um die Kreditwürdigkeit seiner Kunden einzuschätzen. Die Teilnahme ist freiwillig. Doch sie kann Vorteile haben, etwa bei der Partnersuche. Die Punktewertung von Sesame Credit wird nämlich in der beliebten Dating-App Baihe angezeigt. „Heiraten ist in China extrem wichtig. Allerdings gibt es deutlich weniger Frauen als Männer. Entsprechend umkämpft ist der Heiratsmarkt. Ein hoher Punktestand bedeutet bei einigen hohes Ansehen“, berichtet Kühnreich.

Der soziale Druck auf die Menschen dürfte steigen, wenn ihnen klar wird, wie sehr das Sozialkreditsystem ihre Zukunftschancen beeinflusst. Am Ende könnte in China nicht nur der gläserne Bürger stehen, sondern auch der moralisch einwandfreie Bürger – allerdings moralisch einwandfrei, wie ihn sich die Regierung wünscht.

Katika Kühnreich warnt davor, nur auf China zu blicken. „Es gibt weltweit den Trend, Gesellschaften stärker zu kontrollieren, da Menschen zunehmend als Gefahr wahrgenommen werden.“ Das gelte spätestens seit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 auch für Europa und wird etwa mit wachsender Terrorgefahr begründet. „Aber das Sozialkreditsystem in China ist der stärkste mögliche Kontroll- und Beeinflussungsansatz einer Regierung, der mir bislang begegnet ist. Insbesondere da hier Regierung und Wirtschaft Hand in Hand arbeiten. Aber auch außerhalb von China wird unser Onlineverhalten von Datenbrokern gesammelt und bewertet, aber ohne, dass wir darüber benachrichtigt werden.“


20. Februar 2018, 12:21      Christian Hohlfeld      IT-Diktatur Sozialkreditsystem smarte Welt      #SmarteWelt

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