Frag mich alles!

Warum brauchen wir Sauerstoff zum Atmen? Wie kann ich im Internet Geld verdienen? Ohne deine Fragen läuft bei Frag mich alles! gar nichts. Regelmäßig lässt sich hier ein Experte Löcher in den Bauch fragen. Fragen stellen darf jeder. Wenn dir eine Frage besonders gut gefällt, stimme für sie! Die beliebtesten Fragen werden von unserem Experten beantwortet.

Sonja Utz
Silke Sommer

Sonja Utz

Leibniz-Institut für Wissensmedien

8 Fragen      8 Antworten      51 Upvotes
Abgeschlossen

Hallo! Anfangs habe ich zu MUDs geforscht, also zu textbasierten Abenteuerrollenspielen (multi-user dungeons) - und dabei zum Beispiel das Vorurteil widerlegt, dass virtuelle Gemeinschaften nur Pseudo-Gemeinschaften sind. Momentan untersuche ich z.B., welchen Einfluss ein Facebook-Post auf die Gefühle der Nutzer hat, wie Nutzer mit Datenschutzeinstellungen umgehen oder wie soziale Netzwerke dazu beitragen, Freundschaften zu pflegen. Frag mich alles!

Antworten

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4 Leute finden das interessant Das interessiert mich auch! – Jan, 10. Oktober 2016, 14:28:

Stimmt es, dass es häufig zu Neid führt, die Facebook-Posts anderer Leute zu lesen? Warum ist das so?

4 Leute finden das interessant Finde ich auch! – Sonja Utz, 13. Oktober 2016, 09:57:

Das wird in einigen Studien behauptet; schon beim genaueren Lesen dieser Studien merkt man aber, dass Neid nicht die häufigste Emotion ist, die beim Lesen von Posts anderer Leute auftritt. In unserer eigenen Forschung haben wir festgestellt, dass sich die Leute meistens freuen, wenn sie die (überwiegend positiven) Posts ihrer Facebook-Freunde lesen, insbesondere, wenn die Posts von guten Freunden (vs. vagen Bekannten) sind. In der Neidforschung wird zwischen zwei Arten von Neid unterschieden: dem guten (benign) und dem bösartigen (malicious) Neid. Guter Neid hat eine motivierende Funktion; man strengt sich selber mehr an, um das zu erreichen, was die beneidete Person hat. Bei bösartigem Neid missgönnt man der Person, was sie hat. Wenn Neid als Reaktion auf Facebook-Posts auftritt, ist es überwiegend der gute Neid. Facebook kann Menschen also motivieren, sich mehr anzustrengen. In unseren Studien haben wir gefunden, dass Freude und guter Neid stärker werden, wenn uns die Person, die postet, näher steht. Der bösartige Neid ist dagegen unabhängig von der Beziehung; er wird eher durch niedrigen Selbstwert und chronischen Neid vorhergesagt. Personen, die sowieso schnell neidisch reagieren, tun das eben auch auf Facebook.

3 Leute finden das interessant Das interessiert mich auch! – Lisa, 7. Oktober 2016, 10:57:

Stärken Social Media, wie Facebook, unsere Freundschaften oder schwächen sie sie, weil es weniger "echte" Begegnungen gibt?

4 Leute finden das interessant Finde ich auch! – Sonja Utz, 13. Oktober 2016, 09:59:

Insgesamt stärken social media Beziehungen eher, gerade die eher schwächeren Beziehungen z.B. mit alten Schulfreunden oder Exkollegen, die man sonst schnell aus den Augen verlieren würde. Das hat sich in mehreren Studien gezeigt. Als das Internet aufkam, hat man tatsächlich noch oft befürchtet, dass das Internet „echte“ Beziehungen durch Pseudo-Beziehungen online ersetzt. Anfang der 90er hatten noch wenige Menschen Internet, und man hat sich in Usenet-Newsgroups oder IRC-Chats überwiegend mit Fremden ausgetauscht. Auf den sozialen Netzwerken heutzutage sind die Nutzer meist überwiegend mit Personen befreundet, die sie auch offline regelmäßig treffen oder zumindest einmal gesehen haben. Die Trennung online-offline verschwimmt zunehmend, vor allem seit wir über Smartphones permanent mit unserem Netzwerk verbunden sein können. Man postet z.B. die Erlebnisse, die man offline mit Freunden hat, danach auf Facebook. Dadurch können auch Freunde teilhaben, die nicht dabei sein konnten, und das kann wiederum das Gefühl der Verbundenheit stärken.

4 Leute finden das interessant Das interessiert mich auch! – skeptisch, 10. Oktober 2016, 08:15:

Wie erheben sie den wie ein facebook-post die Gefühle beeinflusst?

3 Leute finden das interessant Finde ich auch! – Sonja Utz, 13. Oktober 2016, 09:59:

Wir fragen die Leute nach ihren Gefühlen. In einer ersten Studie zu Neid und Freude sollten die Versuchsteilnehmer_innen die letzten vier Statusupdates auf ihrer Timeline beurteilen (z.B. wie negativ-positiv, langweilig-unterhaltsam) und angeben, ob das Update von einem engen Freund oder einem Bekannten kommt. Danach sollten sie uns sagen, wie sie sich beim Lesen des Updates gefühlt haben. In dieser Studie haben wir gefunden, dass die Mehrheit der Posts positive Gefühle (Freude, Gefühl der Verbundenheit) auslöst, aber nur etwa 10-12% der Updates negative Gefühle (Neid, Eifersucht, Frustration) auslösen. in einer anderen Studie haben wir allen dasselbe Urlaubsfoto gezeigt, und die Teilnehmer_innen sollten sich je nach experimenteller Bedingung vorstellen, dass das Status-Update von einem sehr engen Freund, einem Freund, oder einem Bekannten wäre. Um die Erinnerung an diese Person zu aktivieren, sollten sie zuerst den Vornamen aufschreiben und ein paar Fragen beantworten, z.B., wie lange sie die Person schon kennen oder wie nahe sie sich stehen. Hier haben wir gefunden, dass die Personen mehr Freude (und guten Neid, siehe Frage 4) erleben, wenn das Status-Update von einem engen Freund kommt. Der Nachteil dieser Methode ist, dass es manchmal unglaubwürdig ist das genau dieser Freund/Bekannte jetzt so ein Urlaubsfoto postet; der Vorteil ist, dass alle dasselbe Bild gesehen haben und Unterschiede in den Gefühlen dann nur durch die Beziehung zum Poster kommen können. Generell gibt es bei solchen Studien natürlich das Problem der sozialen Erwünschtheit, dass Personen z.B. weniger Neid angeben, als sie empfinden. Das ändert aber nichts an dem Befund, dass Emotionen mit zunehmender Beziehungsstärke stärker werden. Wenn es um Gefühle geht, muss man sich in der Regel auf die Selbstaussagen der Befragten verlassen, da man Gefühle nicht wirklich beobachten kann.

6 Leute finden das interessant Das interessiert mich auch! – Artur, 29. September 2016, 16:26:

Stimmt es, dass man anhand der Instagram-Fotos erkennen kann, ob jemand depressiv ist?

2 Leute finden das interessant Finde ich auch! – Sonja Utz, 14. Oktober 2016, 08:28:

Jein. Es gibt Studien, die das behaupten, und die gingen auch ziemlich durch die Presse. Ähnliche Studien von computational social scientists gibt es auch zu Tweets. Computational social science ist eine relativ neue Wissenschaft, in der Methoden aus der Informatik (Analyse von Big Data) angewandt werden, um sozialwissenschaftliche Fragen zu beantworten. Dabei werden z.B. sehr viele Tweets oder eben Fotos auf Instagram analysiert. Man schließt dann z.B. aus einem Hashtag #depressed oder in den besseren Studien aus tatsächlichen klinischen Befunden auf die Depression und durch maschinelles Lernen werden dann Algorithmen entwickelt, die bestimmte Muster in den Daten entdecken. Diese Algorithmen sind manchmal etwas besser als wenn man einfach nur raten würde oder als Personen, die die Depression auf Basis der Tweets oder Fotos einschätzen. Sie haben aber keinesfalls eine 100% Trefferquote. Man sollte daher sehr vorsichtig mit diesen Befunden sein und keinesfalls von einem einzelnen Foto auf eine mögliche Depression schließen.

5 Leute finden das interessant Das interessiert mich auch! – Ralf, 30. September 2016, 08:06:

Beschreiben sich Menschen ohne Social Media als glücklicher?

2 Leute finden das interessant Finde ich auch! – Sonja Utz, 14. Oktober 2016, 08:28:

Nein. Es gibt manche Studien, die einen Zusammenhang zwischen Social Media Nutzung, sozialen Vergleichen, Neid und Depression finden, dabei ist aber nicht klar, ob die Social Media-Nutzung der Auslöser dafür ist. Es gibt auch andere Studien, die zeigen, dass Social Media-Nutzung soziale Beziehungen stärkt und zu mehr sozialer Unterstützung führt. Insgesamt ist die Befundlage widersprüchlich; meist handelt es sich um einmalige Fragebogenuntersuchungen an Studierenden, bei denen man nicht feststellen kann, was Ursache und was Wirkung ist. Wir haben derzeit eine Längsschnittstudie mit einer repräsentativen Stichprobe niederländischer Online-Nutzer_innen laufen. In den Daten aus den ersten drei Jahren sehen wir kaum Unterschiede zwischen Nutzer_innen und Nichtnutzer_innen. Die Nutzer_innen sind etwas gestresster, berichten aber auch mehr soziale Unterstützung und etwas weniger Einsamkeit; bei der Lebenszufriedenheit gibt es gar keinen Unterschied.

4 Leute finden das interessant Das interessiert mich auch! – Lara, 5. Oktober 2016, 12:01:

Wie lässt sich der Datenschutz in sozialen Netzwerken verbessern und die wirtschaftlichen Interessen an diesen Daten begrenzen?

2 Leute finden das interessant Finde ich auch! – Sonja Utz, 14. Oktober 2016, 08:28:

Das ist keine medienpsychologische Frage, daher kann ich sie nicht wirklich beantworten. Wir haben Forschung dazu gemacht, wie Leute mit Privacy-Einstellungen umgehen und dabei im Laufe der Zeit einen Wandel festgestellt. Am Anfang waren die meisten Profile öffentlich, mittlerweile sind viele Angaben nur noch für Freunde oder selbst bestimmte Freunde zugänglich. Ein Großteil der Kommunikation hat sich auch von den Status-Updates in die privaten Nachrichten verlagert. In den Studien ging es aber mehr darum, ob die Leute ihre Daten vor potentiellen Arbeitgebern usw. schützen, nicht um die Weitergabe an Firmen. Die wirtschaftlichen Interessen lassen sich wohl kaum begrenzen, weil Daten über die Vorlieben (Lesen, Teilen, Liken von Beiträgen) eine Fülle von Informationen für Firmen und Möglichkeiten für zielgerichtetes Marketing liefern. Die Regulierung ist bei weltweiten Netzwerken auch schwierig, gerade weil es auch kulturelle Unterschiede im Verständnis von Privatheit und Datenschutz gibt.

1 Person findet das interessant Das interessiert mich auch! – Franz, 10. Oktober 2016, 16:32:

Warum ist so vielen Menschen ihr Beziehungsstatus bei Facebook wichtig?

3 Leute finden das interessant Finde ich auch! – Sonja Utz, 14. Oktober 2016, 08:29:

Ich denke nicht, dass er so vielen wichtig ist, bzw., dass er auf Facebook so vielen Menschen wichtiger ist als im offline Leben. Generell spielen soziale Beziehungen, und gerade die Partnerschaft, ja eine sehr wichtige Rolle im Leben von Menschen. Das Alter und die Lebensphase spielen dabei auch eine Rolle. Personen, die älter und seit Jahren in einer stabilen Partnerschaft sind, achten wenig auf den Beziehungsstatus. Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist das anders. Hier geht es ja oft um die erste Beziehung oder die erste ernsthafte Beziehung. Der Aufbau einer Beziehung gehört zu den Entwicklungsaufgaben im Jugendalter, muss also erlernt werden und ist am Anfang mit Unsicherheit verbunden. Wenn der Partner/die Partnerin die Beziehung auf Facebook öffentlich macht, ist das ein Zeichen von Commitment. Menschen in einer glücklichen Beziehung wollen diesen Aspekt ihrer Identität auch nach außen darstellen. Es gibt allerdings Studien, die zeigen, dass es zu Konflikten kommen kann, wenn einer der Partner es wichtiger findet, die Beziehung auf Facebook zu zeigen. Personen mit einem niedrigeren Selbstwert und einem hohen Bedürfnis nach Popularität reagieren am ehesten eifersüchtig auf Facebook.

2 Leute finden das interessant Das interessiert mich auch! – anonym, 10. Oktober 2016, 16:29:

Warum greifen sich Personen im Internet häufig so persönlich an?

2 Leute finden das interessant Finde ich auch! – Sonja Utz, 14. Oktober 2016, 08:29:

Dieses Phänomen ist so alt wie das Internet. Ursprünglich wurde es auf die größere Anonymität im Internet zurückgeführt. Man sieht die andere Person nicht und merkt weniger, wenn man jemanden verletzt. Außerdem können soziale Normen weniger greifen, wenn man selbst auch nur unter einem Pseudonym agiert und nicht identifiziert und bestraft werden kann. Mittlerweile sieht man dieses Verhalten auch auf Facebook, wo Personen ja schon identifizierbar sind, anhand ihres Namens, ihren Angaben und dem Freundeskreis. Dennoch eskalieren Konflikte schneller bei computervermittelter Kommunikation, weil man die Reaktionen des/der anderen nicht sieht. In Studien zu virtuellen Teams hat man gefunden, dass Leute bei computervermittelter Kommunikation schneller denken, die andere Person ist inkompetent oder unzuverlässig, wenn z.B. keine Reaktion kommt, und die situativen Umstände (die Person hat andere Termine, die Technik funktioniert nicht) vernachlässigen. Das provoziert dann eine unfreundliche Reaktion und der Konflikt schaukelt sich auf. Das kann schnell gehen; oft sind diese Streits oder Shitstorms aber auch nach ein, zwei Tagen wieder verschwunden. In Gruppendiskussionen oder Kommentaren in Foren kann das aggressive Verhalten auch der Gruppennorm entsprechen; wer andere beleidigt, erhofft sich Anerkennung von Mitgliedern seiner Gruppierung. Es gibt auch Personen, denen es Spaß macht, andere zu ärgern, und gerade in Diskussionen zu politischen Themen wird immer wieder gesagt, dass diese sogenannten Trolle von Auftraggebern bezahlt werden (z.B. http://www.sueddeutsche.de/polit...).