Von Bargeldlosigkeit und Fintechs: Die Digitalisierung in der Finanzbranche

Mit Karte zahlen und online Geld überweisen – das gehört längst zu unserem Alltag. Vielleicht hat der ein oder andere auch schon im Supermarkt kontaktlos oder per App seine Rechnung beglichen. Sicher ist: Die Digitalisierung breitet sich auch in der Finanzwelt immer weiter aus - und wirft Fragen auf. Sollen wir das Bargeld ganz abschaffen? Wie würde das unseren Alltag und die großen Banken beeinflussen? Soziologen, Betriebs- und Volkswissenschaftler haben folgende Antworten gefunden.

Digitale Bezahlsysteme

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Nach einer Studie der Bitkom können sich über die Hälfte der Befragten zwischen 30 und 49 vorstellen in Zukunft weitest gehend bargeldlos zu bezahlen. Bei den 14 bis 29-Jährigen waren es immerhin 45 Prozent. Peter Bofinger, Wirtschaftsweiser und Betriebswissenschaftler, hat im Sommer 2015 mit einem Interview im SPIEGEL für Aufsehen gesorgt, in dem er sich klar für die Abschaffung des Bargeldes positionierte. Ein rein digitaler Zahlungsverkehr würde Schwarzarbeit und Drogenhandel austrocknen und den Zahlungsverkehr erleichtern, so Bofinger. Außerdem können die Zentralbanken den Finanzmarkt besser steuern, wenn die Kunden ihr Geld nicht bar aufbewahren können. Doch es gibt auch Wissenschaftler, die eine andere Meinung vertreten.

Bargeldlos – ein Schritt zur totalen Überwachung?

Der Volkswissenschaftler Malte Krüger hat gemeinsam mit dem Betriebswissenschaftler Frank Seitz im Auftrag der Deutschen Bundesbank die Kosten und Nutzen des Bargelds und digitaler Zahlungsinstrumente untersucht. Sie sehen die Abschaffung des Bargeldes kritisch: Um eine bargeldlose Wirtschaft gut gestalten zu können, müsse man das Bargeld im ganzen EU-Raum, den USA und der Schweiz abschaffen, so die Wissenschaftler in einem Diskussionspapier des Instituts für Wirtschaftsforschung. Sonst würden die Menschen auf andere Währungen ausweichen, um weiterhin mit Bargeld bezahlen zu können. Auch die Gefahr der Überwachung ist für sie ein wichtiger Aspekt. Jede finanzielle Transaktion kann in einer digitalen Finanzwelt nachverfolgt werden. So würde der „gläserne Kunde“ Realität: „Eine Privatsphäre im eigentlichen Sinne des Wortes gäbe es nicht mehr“, so Krüger und Seitz (Die vollständige Studie gibt es hier (PDF)).

Fintechs wirbeln zwischen Bankentürmen

Im Hintergrund dieser ganze Debatte steht eine Branche, die den bargeldlosen Zahlungsverkehr mithilfe von Apps und anderen digitalen Lösungen immer einfacher macht: Die sogenannten Fintechs. Fintechs sind Start-ups, die mit digitalen Geschäftsmodellen den großen Instituten Konkurrenz machen. Andreas Hacketal, Professor für Finanzen an der Universität Frankfurt, untersucht, wie sich die Digitalisierung, besonders der Boom der Fintechs, auf die Bankenbranche auswirken wird. „Da zieht ein Wirbelwind zwischen den Bankentürmen umher“, so Hacketal in einem Interview mit der FAZ. Der internationale Zahlungsverkehr, die Geldanlage, die Kreditvermittlung oder die Versicherungen – viele traditionelle Bereiche der Finanzbranche würden sich durch die Fintechs grundlegend ändern. 40 bis 50 Prozent der Ertragsbasis von Banken würde auf lange Sicht wegbrechen. Die großen Banken müssten sich also nun der Digitalisierung widmen, die sie „viel zu lange vor sich hergeschoben haben“, so Hacketal. Ob die Abschaffung des Bargeldes ein erster Schritt wäre, ist jedoch fraglich – und wird etwa in diesem Kommentar auf Spiegel ONLINE kritisch gesehen.

Wie bei so vielen Themen der digitalen Gesellschaft gibt es auch bei der Digitalisierung der Finanzbranche einigen Diskussionsbedarf. Falls euch das Thema interessiert, ladet Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft ein und diskutiert es in eurem nächsten Junior Science Café darüber.


27. Oktober 2016, 13:18      Babette Jochum      Digitalisierung Fintech Bargeldlos Finanzwesen      Mensch 2.0

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