#Caféthesen weiterdenken! Smartwatch – Rückschritt statt Fortschritt?

Smartwatch am Handgelenk
Foto: pixabay.com, CC0

In der Reihe #caféthesen weiterdenken! greifen wir aus jedem
 Junior Science Café eine These auf und diskutieren sie im Netz. Denkt mit!

Die Schülerinnen und Schüler der Junior Science Café-AG an der Bischöflichen Marienschule haben das Café „Die Smartwatch – der Arzt am Handgelenk“ organisiert. Zur Diskussion luden sie einen Sportwissenschaftler, einen Informatiker und einen Politiker. Besonders interessant fanden wir folgende These:
Smartwatches sind geeignet um Daten zu erfassen, aber für den sinnvollen Umgang mit ihnen ist menschliche Intelligenz vonnöten. D.h. der Fitnesstrainer wird weiterhin benötigt um individuelle Trainingspläne zu erstellen.

„Mit der These haben  die Schüler das Problem ins Schwarze getroffen“,  sagt Stefan Selke. Der Soziologe ist Professor für „Gesellschaftlichen Wandel“  an der Fakultät Gesundheit, Sicherheit und Gesellschaft der Hochschule Furtwangen.  Die in der These enthaltene Skepsis sei auf jeden Fall angebracht, findet Selke. Und er geht sogar noch weiter: „Smartwatches werden uns  als fortschrittlich verkauft, weil sie uns scheinbar Arbeit abnehmen. Sie nehmen uns aber nicht das Lernen und Denken ab, obwohl sie das vermitteln. Dagegen sollten wir uns mit Intelligenz wehren!“

Wogegen sollen wir uns wehren? Worin genau besteht das Problem bei Smartwatches?

Selke findet die intelligenten Uhren auf zwei Ebenen problematisch: „ Zum einen sind sie manipulativ, unter anderem  dadurch, dass sie falsche Maßstäbe setzen. Ein Beispiel: Wissenschaftler sind  sich darüber einig, dass ein Body Mass Index (BMI) von 27 ideal ist für ein langes Leben. Die meisten Apps sind aber auf einen BMI von 25 geeicht. So werden falsche Ideale transportiert. Das sorgt bei vielen für das ständige Gefühl sich verbessern zu müssen.“  Die andere Ebene sei die der Datenerhebung, so Selke.

Natürlich werden beim Lifelogging, dem Dokumentieren des eigenen Lebens mit Apps, Daten gesammelt. Aber wenn ich meine Schritte mit einer App  zähle, kann dabei doch noch nicht besonders viel schief gehen, oder?

Selke: „In Wirklichkeit  werden ja gerade keine Schritte gezählt, sondern die Beschleunigung des Handgelenks, mithilfe von einfachen Beschleunigungssensoren. Die Ergebnisse  werden dann auf Schritte ‚hochgerechnet‘. Dabei kann es schnell zu „Fehlzählungen“ kommen.“ Die durch Smartwatches gewonnenen Daten sind also nicht objektiv, auch wenn sie den Anschein erwecken. Eine App interpretiere sie aber so und betrachte die Daten nicht kontextbezogen, so Selke. „Durch die Interpretation scheinen die Daten verlässlich, obwohl sie es nicht sind“.  
Beim Schritte Zählen sei die Manipulation noch gering. Anders kann das bei anderen Lifelogging-Apps aussehen. Selke nennt hier die sogenannten Mood Tracker, Apps mit denen sich Gefühle dokumentieren lassen: „Die stufen dich auch mal als depressiv  ein, obwohl du vielleicht nur ein paar schlechte Tage hattest oder gerade im Prüfungsstress warst. Die Daten werden interpretiert, ohne den Kontext einzubeziehen“, erklärt der Soziologe. Und genau an dieser Stelle sei der Einsatz von „menschlicher Intelligenz vonnöten“, wie die Schüler in ihrer These festgestellt haben. Das findet auch Selke. Denn nur so könnten wir die Daten, die uns eine solche App liefert sinnvoll nutzen.

Natürlich ist es wichtig, dass wir hinterfragen, wie unsere App uns bewertet. Aber reicht das? Ich finde, dass es auch eine Aufgabe des Verbraucherschutzes ist, solche Lifelogging-Apps einer gewissen Kontrolle zu unterziehen, bevor sie auf den Markt kommen.  Was haltet ihr davon? Denkt ihr, das ist nötig?


30. Juni 2016, 16:32      Babette Jochum      Junior Science Café Smartwatch Fortschritt Soziologie      weiterdenken!

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