#caféthesen weiterdenken! E-health und das Recht auf Digitalisierung

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In der Reihe #caféthesen weiterdenken! greifen wir aus jedem Junior Science Café eine These auf und diskutieren sie im Netz. Denkt mit!

Die Junior Science Café-AG der Europaschule Langerwehe diskutierte über „Das Smartphone als digitaler Arzt“ mit Forschern aus dem Fachbereich „Human Factors Engineering and Ergonomics in Healthcare“ an der RWTH Aachen. Sie sprachen über Datenschutz, Anwendungen für Senioren und gesteigerte Motivation im Sport. Eine ihrer Thesen interessiert mich besonders:

E-Health für alle

Britta Böckmann, Professorin für Medizinische Informatik an der Fachhochschule Dortmund, widerspricht dieser These. Sie findet, dass das aktuelle System eine größere Gefahr birgt Menschen zu benachteiligen: „Ob ich eine moderne Behandlung mit E-Health bekomme, hängt bisher im Wesentlichen davon ab, wo ich wohne, zu welchem Arzt ich gehe und wo ich versichert bin. Das ist eine Zweiklassenmedizin!“ Deshalb solle E-Health, also digitale Hilfsmittel und Dienstleistungen im Gesundheitswesen, ein Teil der medizinischen Regelversorgung werden. So werde auch eine Zertifizierung gewährleistet, die zeigt welche Apps medizinisch sinnvoll sind und die gesammelten Daten ausreichend schützen. Böckmann: „Das sollte der nächste Schritt sein, denn jeder Patient hat ein Recht auf Digitalisierung.“

Herrschaft über die eigenen Daten

Einen Großteil der Debatte um E-Health beschäftigt sich nach wie vor mit dem Datenschutz. Das zeigt eine im September 2016 erschienene Studie der Bitkom zu „Digital Health“. Darin stimmen 82 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass „durch die Digitalisierung der Medizin die Gefahr für den Missbrauch von Gesundheitsdaten“ steigt. Böckmann sieht das anders: „Die elektronische Gesundheitskarte ist sicherer als jedes Online-Banking“, sagt sie. Ein Problem liege eher darin, dass der Patient selbst nicht „Herr seiner Daten“ sei. Denn Krankheitsgeschichten, Medikamentenrezepte oder Röntgenbilder sind auf der elektronischen Gesundheitskarte nach dem Zwei-Schlüssel-Prinzip gesichert. Erst wenn der Patient seine Karte mit einer PIN entsperrt und der Arzt sich mithilfe seines Heilsberufsausweises eingeloggt hat, können die Daten eingesehen werden. „So hat der Patient nicht die Möglichkeit seine Daten ohne einen Arzt einzusehen“, so Böckmann.

Vorreiter Dänemark

Deutschland hinkt, was die Digitalisierung im Gesundheitswesen betrifft, hinterher – das sehen auch über die Hälfte der Befragten der Bitkom-Studie so. In Dänemark gibt es schon seit 2003 die Plattform sundhed.dk, die Akten von Ärzten, Apotheken, Krankenhäusern und Patienten verbindet. Ursprünglich sollte das Portal vor allem die Patienten stärken. Die können in ihrem persönlichen Zugang nicht nur ihre Krankheitsgeschichte einsehen oder Rezepte für Medikamente nachbestellen, sondern auch nachverfolgen, wer wann ihre Daten angesehen hat. In Österreich gibt es nun ein ähnliches Portal. Dort vernetzt die elektronische Gesundheitsakte (ELGA) die Daten von Ärzten, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Patienten.

Längere Mobilität für Senioren

Böckmann und ihr Team von Soziologen und Informatikern entwickeln derzeit im Projekt „PIQ - Pflege im Quartier“ eine Plattform, die in Gelsenkirchen Ärzte, Pflegedienste, Krankenkassen und Angehörige miteinander vernetzen soll. „Zum Projekt gehört eine App mit der Betroffene bei Bedarf Hilfe rufen können. So bleiben Senioren länger mobil“, erklärt Böckmann. Auch dieses Projekt gehört zu E-Health – genauso wie Big Data in der Radiologie oder das einfache Googeln von Symptomen, was laut Bitkom 64 Prozent der Befragten bereits tun. Es scheint also, als gäbe es bereits in vielen Bereichen Ansätze für ein digitales Gesundheitswesen. Mit dem Ende 2015 beschlossenen E-Health-Gesetz ist nun auch ein erster Schritt in Richtung einer modernen und digitalen Regelversorgung gemacht worden: Neben der elektronischen Gesundheitskarte soll das Gesetz etwa den regulären Einsatz von Gesundheitsapps und telemedizinische Anwendungen, wie Video-Sprechstunden, erleichtern.


2. November 2016, 09:59      Babette Jochum      weiterdenken!

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