#caféthesen weiterdenken! Cyborgs: Was Begriffe bewirken und wie Teilhabe gelingt

In der Reihe #caféthesen weiterdenken! greifen wir aus jedem Junior Science Café eine These auf und diskutieren sie im Netz. Denkt mit!

Wenn ein Physiologe, ein Biologe, ein Ingenieur und der Vorsitzende eines technischen Vereins miteinander diskutieren gibt es vermeintlich wenige gemeinsame Themen. Doch genau diese Experten haben die Schülerinnen und Schüler der Junior Science Café-AG an der Winfriedschule Fulda zur Diskussion eingeladen. Das Thema: „Cyborgs – (Alb)-Traum der Menschheit“. Mit Hilfe der unterschiedlichen Perspektiven der Experten, arbeiteten die Schülerinnen und Schüler vielfältige Thesen heraus. Die folgende These stellt die Interdisziplinarität des Themas Cyborgs besonders heraus:

Das Konzept Cyborg als Hybridensystem darf nicht nur von der technischen Seite aus betrachtet werden, sondern auch aus der Rolle des Menschen als Teil der Vernetzung von Lebewesen und Maschine.

Diese These hab ich mit zwei Wissenschaftlern diskutiert, die das Thema Cyborgs von der menschlichen Seite aus betrachten. Tom Bieling ist Designforscher am Design Research Lab der Universität der Künste (UDK) in Berlin. Bertolt Meyer ist Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie und der TU Chemnitz und forscht unter anderem zu Diversität und Stereotypen im Zusammenhang mit Behinderung. Er selbst wurde ohne Unterarm geboren und trägt seit einiger Zeit eine myoelektrische Prothese, also eine Prothese, die sich über Muskelsignale steuern lässt. Würde er sich deshalb als Cyborg bezeichnen?

„Für mich vermischen sich in der Diskussion über Cyborgs in den Medien zwei ganz unterschiedliche Diskurse. Den einen nennen wir den Enhancement-Diskurs, den anderen den therapeutischen Diskurs“, so Meyer. Im Enhancement-Diskurs gehe es um die reine Aufrüstung des Körpers. Eines Körpers als, der der „statistischen Norm“ entspreche und durch Technik dann überdurchschnittlich werde. Im therapeutischen Diskurs gehe es allerdings darum, dass ein beeinträchtigter Körper durch technische Ersatzteile der „statistischen Norm“ näher komme.

Kalt und Kompetent – der Begriff „Cyborg“

Meyer: „Der Begriff „Cyborg“ ist allerdings sozialpsychologisch sehr durch den Enhancement-Diskurs geprägt. Die Mehrheit verbindet damit den Stereotyp des kybernetischen Übermenschen.“ In seiner Stereotypen-Forschung unterscheidet er zwei Informationsdimensionen. Die Wärmedimension bestimmt mit warm oder kalt, ob die Absichten einer Person gut oder schlecht sind. Die Kompetenzdimension bestimmt, wie kompetent oder inkompetent sie diese Absichten umsetzen kann (Mehr dazu in einem Portrait von Bertolt Meyer [PDF, 262 kb]). „Bezeichnet man einen behinderten Menschen als Cyborg rutscht er von dem warm und inkompetent Stereotyp nicht etwa zu warm und kompetent, sondern in den, durch den Ursprung des Wortes geprägten, kalt und kompetent Stereotyp“, erklärt der Psychologe. Für ihn wäre es wichtig den Begriff „Cyborg“ vorsichtiger zu verwenden – vor allem im Zusammenhang mit Prothesen.

„Die Gestaltung der Welt ist das, warum ein Mensch behindert ist.“

Der Designforscher Tom Bieling sieht den Begriff Cyborg weniger kritisch: „Man könnte auch mich als Cyborg bezeichnen. Schon allein durch mein Smartphone erweitere ich meinen Körper und damit meine Fähigkeiten durch Technik. Auch hier erfolgt in gewisser Weise eine Vermischung zwischen menschlichem und organischem, wenn meine Smartwatch etwa meine Vitaldaten misst. Wenn es um die Verwendung von Assistenzsystemen geht, sind wir alle Cyborgs.“ Bieling beschäftigt sich mit der Gestaltung eben dieser Assistenzsysteme. In seiner Doktorarbeit untersucht er die Zusammenhänge zwischen Gestaltung und Behinderung. Seine Hypothese: Die Gestaltung der Welt bestimmt, ob ein Mensch behindert ist oder nicht. Auch ihn beschäftigt also besonders die menschliche Perspektive auf die „Cyborg“-Technik. „Gestalte ich Technik für Menschen, etwa für Menschen mit einer bestimmten Behinderung, arbeite ich auch eng mit diesen Menschen zusammen. Die Teilhabe, die die neue Technik ermöglichen soll, kann nur erfolgreich sein, wenn wir schon in der Gestaltung auf Teilhabe setzen“, so Bieling.

Twittern für Taubblinde

Im Zuge seiner Doktorarbeit entwickelten er und sein Team gemeinsam mit taubblinden Menschen eine sogenannte Lorm-Hand mit der taubblinde Menschen über Twitter und andere soziale Netzwerke verbunden sind. Lormen ist eine Kommunikationsform für Taubblinde bei der der „Sprechende“ die Handinnenfläche des „Lesenden“ berührt, wobei bestimmte Punkte bestimmten Buchstaben zugeordnet sind. Die Lorm-Hand wurde etwa bei einer Demonstration von Taubblinden in Berlin eingesetzt, um deren Forderungen und Bedürfnisse über soziale Netzwerke öffentlich zu machen.

Ob es nun um Teilhabe durch Design geht oder um die Sozialpsychologie, die hinter dem Begriff „Cyborg“ steckt, in der Debatte um Cyborgs sollte neben der rein technischen Entwicklung die menschliche Perspektive nicht aus den Augen verloren werden. Denn „es liegt in den Händen der Menschheit eventuelle Gefahren einzudämmen und Chancen zu erkennen“, wie Alena Simon, die Moderatorin des Junior Science Cafés an der Winfriedschule, in der Dokumentation zusammengefasst hat.


26. April 2017, 14:45      Babette Jochum      Design-Forschung Sozialpsychologie Cyborgs      weiterdenken!

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